Es muss 1994 gewesen sein. Mein Opa kam aus Mönchengladbach und brachte mir ein Trikot mit. Ich war ungefähr acht Jahre alt. Und um ehrlich zu sein: Mit Fußball konnte ich damals nicht viel anfangen. Ich wusste nicht, was dieses Trikot bedeutete. Ich kannte die Geschichten nicht, die Farben nicht, die Namen nicht. Also begann ich nachzuforschen. Und irgendwann verstand ich: Das war gar kein Trikot. Das war ein Superheldencape. Und mein Superheld hieß Stefan Effenberg. Von diesem Moment an nahm die Geschichte ihren Lauf. Mein Opa hatte etwas in mir geweckt – oder besser gesagt: Er hatte mich mit einem Virus angesteckt, das mich nie wieder loslassen sollte. Dem Virus Borussia Mönchengladbach.. Doch wirklich begriffen habe ich Borussia erst einige Jahre später. Am 8. März 1997 nahm mich mein Vater mit zu meinem ersten Bundesligaspiel. Borussia Mönchengladbach gegen Werder Bremen. Bökelberg Ich weiß heute nicht mehr, worüber wir auf dem Weg gesprochen haben. Ich weiß nicht mehr, wie lange die Fahrt dauerte oder was ich an diesem Tag gegessen hatte. Aber ich weiß noch ganz genau, wie es sich angefühlt hat, dieses Stadion zum ersten Mal zu betreten. Ich war zehn Jahre alt. Und mir fiel buchstäblich die Kinnlade herunter. Menschen dicht an dicht. Überall diese drei Farben, die inzwischen auch meine geworden waren: Schwarz, Weiß und Grün. Es roch nach Zigaretten und Bier. Es war laut, eng, rau – und für mich in diesem Moment der schönste Ort der Welt. Dann erklang zum ersten Mal die Stadionhymne. Zum ersten Mal sang ich mit Tausenden anderen Menschen. Zum ersten Mal sprang ich von meinem Platz, weil ein Ball im Tor landete. Zum ersten Mal verstand ich, dass Fußball etwas sein kann, das man nicht einfach nur anschaut. Man fühlt ihn. Martin Dahlin traf in der 29. Minute zum 1:0. Kurz nach der Pause schlug Andrzej Juskowiak gleich zweimal zu: 2:0. 3:0. Werder kam durch Bruno Labbadia noch einmal heran. Und in der 90. Minute setzte Jörgen Pettersson mit dem 4:1 den Schlusspunkt. Borussia Mönchengladbach 4. Werder Bremen 1. Für die Tabelle war es ein Bundesligaspiel. Für mich war es viel mehr. Es war der Tag, an dem aus dem Verein meines Opas endgültig mein Verein wurde. Mein Opa hatte mir das Cape gegeben. Mein Vater hatte mich dorthin gebracht, wo ich verstand, welche Kräfte darin steckten. Und Borussia blieb. Sie blieb in den großen Momenten und in den bitteren. Bei Siegen, bei Niederlagen, bei Hoffnung und Enttäuschung. Bei Spielern, die kamen und gingen. Bei Trainern, an die man sich gerne erinnert – und bei denen, über die man vielleicht lieber schweigt. Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach diesem Trikot meines Opas, genügt manchmal ein Blick auf Schwarz, Weiß und Grün, und plötzlich ist alles wieder da. Der achtjährige Junge mit seinem viel zu wichtigen Trikot. Mein Opa. Der Weg mit meinem Vater zum Stadion. Die Hymne. Das erste Tor. Spielt für die Jungen und Mädchen, die zum ersten Mal den Borussia Park betreten – und dessen Augen genauso groß werden, wie meine damals. Spielt für den Menschen, der auf seinem Platz sitzt und vielleicht weiß, dass es sein letztes Mal sein wird. Spielt für unsere einzigartige Nordkurve. Spielt für die Menschen, die für neunzig Minuten ihre Sorgen vergessen wollen. Spielt für die Väter und Mütter die ihre Kinder zum ersten Mal mitbringen. Für die Großeltern die uns diese Farben gezeigt haben. Für all diejenigen, die seit Jahrzehnten kommen – und für diejenigen, die sich heute zum ersten Mal in diesen Verein verlieben. Spielt für das Gefühl, wegen dem wir immer wiederkommen. Spielt für die Erinnerungen, die an einem einzigen Nachmittag ein ganzes Leben überdauern können. Spielt für das Herz der Fans. Für immer Borussia Daniel.

One thought on “Es war nie nur ein Trikot.”
Ach wie schön beschrieben. Ja , in diesem Alter fängt es an,, Der Mythos Borussia „